Welcome to the California Zephyr!

Eine Liebesgeschichte in zwei Tagen
von Dr. Christian Lutzky*

„WHY are you going to Chicago by train? That will take ages!“ Meine amerikanischen Freunde waren wirklich besorgt um meinen Geisteszustand. Und mit einem hatten sie recht: Es geht viel langsamer als mit dem Flugzeug. 51 Stunden in meinem Fall, von San Francisco nach Chicago. Aber muss es im Urlaub denn immer schnell sein?

Mein Beruf ist oft hektisch, und deswegen war ich auf die Idee gekommen, im Februar dieses Jahres mit dem Zug quer durch die USA zu fahren. Um es vorwegzunehmen: Es war unglaublich authentisch. Ich habe die gesamte Ausdehnung und Vielfalt dieses Landes erfahren und viele Menschen und ihre Geschichten kennengelernt. Und ich habe begonnen dieses Land wirklich zu lieben.

Morgens um 9 Uhr stehe ich nun in Kalifornien vor dem größten Eisenbahnwagen, den ich je gesehen habe – ein edelstahlglänzendes Ungetüm, fast fünf Meter hoch. Dieser Wagen wird für die nächsten zwei Nächte mein rollendes Zuhause sein. In der Tür des „Superliner“-Wagens steht breit grinsend Pete, Beruf: Schlafwagenschaffner. „Welcome to the California Zephyr!” Der „California Zephyr“ wird von Amtrak betrieben. Amtrak ist die ungeliebte Stiefschwester der hochprofitablen Frachtzugkonzerne und nutzt aufgrund staatlicher Regulierung deren Strecken.

Mein Abteil ist im oberen Stockwerk und sehr klein. Zwei bequeme Sitze, ein großes Fenster, ein Kleiderhaken, zwei Kissen, das war es. Erst mit der Zeit entdecke ich die durchdachten Details: das herunterklappbare zweite Bett, die geniale Beleuchtung, die kleine Handtuchablage. Eine kleine Bar, Duschen und WCs sind im Gang. Alles gut 35 Jahre alt, aber top in Schuss, dafür sorgt Pete, und das sehr gründlich und liebevoll. So stelle ich mir jemanden vor, der daheim Eheprobleme hat, weil er Züge liebt.

Nach der Abfahrt darf ich sehr schnell feststellen, dass die gesamte Fahrt von der Interaktion lebt, derenthalben sogar teilweise die vorbeiziehende Landschaft in den Hintergrund rückt. Insbesondere bei den Mahlzeiten, denn man wird im Dining Car wild an den Tischen zusammengewürfelt. Da gibt es viel Gelegenheit zu Gesprächen – fast schon eine Art Speed Dating, nur dass jedes Gespräch eine Mahlzeit lang dauert.
Über die Zeit lerne ich sehr viele meiner Mitreisenden kennen. Burt, der Großvater, der seiner Enkelin zum ersten Mal die Sierra Nevada zeigt; Claire, die resolute Bauunternehmerin aus Chicago; eine Familie auf dem Weg zu einem lustigen Wochenende in Reno …

Das Leben findet im Wesentlichen in zwei Wagen statt: Dining Car und Lounge Car. Im Dining Car werden Frühstück, Mittagessen und Abendessen serviert. Die Speisekarte enthält solide amerikanische Hausmannskost. „Möchten Sie lieber Steak oder Burger? Suppe? Salat? Wir haben heute kalifornisches Lamm auf der Tageskarte.“ All das kommt nicht etwa vorgekocht aus der Mikrowelle, sondern wird von drei Köchen im Untergeschoss des Speisewagens frisch zubereitet.

Henry ist Chef im Speisewagen: groß, laut, farbig, durchsetzungsfähig. Seine zentrale Aufgabe, die er außerordentlich ernst nimmt, ist es, die richtigen Gäste an den richtigen Tischen zusammenzusetzen, so dass man sich auch etwas zu erzählen hat. Ich fühle mich noch mehr wie in einem Südstaaten-Diner in einer Kleinstadt direkt an der Bahn, etwa so wie im Whistle Stop in Fannie Flags „Grüne Tomaten“. Nur dass unser Whistle Stop Café nicht an der Bahn, sondern in der Bahn ist. Und sich niemand um die Hautfarbe schert.

Henry wird tatkräftig unterstützt von Mary, der ziemlich kräftig gebauten, ebenso resoluten farbigen Bedienung, die den Gästen gerne auch mal vorgibt, was sie denn essen wollen, und mit schroffer Freundlichkeit das Regiment führt. Doch beim Abschied wird sie mich mit aller Kraft umarmen, und mir mit einer verdrückten Träne ein „Welcome to America! Come back soon!“ wünschen! Ich fühle mich so unglaublich willkommen.
Beim ersten Dinner treffe ich Greg: Mit seinen 80 Jahren erzählt er stolz von seinen prägenden Erlebnissen in Deutschland unmittelbar nach dem Krieg, und dass er die deutschen Mädchen so toll findet. Passt gut in das Klischee, das Fräuleinwunder und der junge US-Soldat.
Beim Dessert komme ich mit Paul ins Gespräch. Er ist Vietnam-Veteran und erzählt von seinen Erlebnissen im Hubschrauber über Hanoi. Ich vermute, dass er nicht alles erzählt. Nicht, weil es geheim ist, sondern weil er es zu grausam findet, um es uns zu erzählen. Jetzt ist er auch in schwerer Mission unterwegs: Er will seine sterbenskranke Tochter aus Salt Lake City nach Hause holen, weil er möchte, dass sie die Familie in der harten Zeit um sich hat. Wir diskutieren nach dem Essen eine ganze Stunde weiter über unterschiedliche Lebensentwürfe und -philosophien: Dass das Alter irrelevant ist, solange man ein Ziel im Leben hat.

Danach genieße ich einen Absacker im Lounge Car, die Sonne geht über dem nördlichen Nevada unter. Nach nicht einmal fünf Minuten gesellt sich Andy zu mir, vielleicht 30 Jahre alt, Vorstand bei „Narcotics Anonymous“. Doch dem Alkohol hat er eindeutig nicht abgeschworen, wie die 10 großen Bierdosen, die er dabei hat, verraten.

Während einer erfrischenden Dusche nach einer perfekten Nacht in meinem Schlafwagen verwandelt sich meine Mini-Schlafkabine von einem unerwartet bequemen Bett zurück in ein Sitzabteil. Danach erlebe ich am zweiten Tag den Sonnenaufgang über Utah wieder im Lounge-Wagen. Die strahlende Wintersonne taucht die roten Felsen in ein wunderbares Licht. Im Rattlesnake-Canyon werde ich etwas nervös. Wir fahren unmittelbar zwischen sehr hohen Felswänden entlang. Nicht dass sich einer dieser roten Felstürme löst! Aber genau so habe ich mir den wilden Westen immer vorgestellt!
Später in den tief verschneiten Rocky Mountains weisen die Lokführer unserer beiden schweren Dieselloks minütlich auf Tiere an der Strecke hin: Rehe, Biber, Weißkopfadler, … Oft durchfahren wir Täler, in denen es nichts außer der Bahnstrecke gibt. Die Landschaft ist so wunderschön, so unberührt, so eindrucksvoll.

Am dritten Tag geht es durch Iowa. Henry im Dining Car erzählt beim Frühstück, dass Iowa für ihn ganz fürchterlich sei. Ich denke an die langweilige, platte Landschaft. Er meint aber etwas anderes: Eine schlechtere Strecke gebe es in den ganzen USA nicht. Die Komfort-Federung der Wagen werde wirklich gefordert, und das sei ja das Letzte. Wir wären doch keine Kohle, der ein bisschen Schütteln nichts schadet.
Nach den fruchtbaren Ebenen Iowas kommen wir nach Illinois. Zunehmend werden die Ortschaften häufiger, lösen weitläufige Wohnviertel und Industriegebiete die weit verstreuten Farmen und Silos ab. Zum Schluss hat man herrliche Blicke auf die Skyline der Millionenstadt. Der Genuss ist aber kurz. Viel zu schnell sind wir in Union Station angekommen, ganz im Zentrum von Chicago, mittendrin zwischen Wolkenkratzern. Dort werde ich einen Freund aus Universitätstagen treffen.

Ich verabschiede mich von Pete, lade ihn nach Deutschland ein, und bekomme auf dem Weg aus dem Bahnhof ein echtes Problem: Dauernd stehe ich im Weg und bewundere den Ausblick. Alle anderen haben es unglaublich eilig, und zweifeln an meinem Geisteszustand. Nun, das ist ja nichts Neues.


* Dr. Christian Lutzky, geboren 1975 in Nürnberg, hat nach seinem BWL Studium seine Dissertation an den Universitäten in Frankfurt und Köln über das Thema „Kaufakzeleration bei konsumentengerichteter Verkaufsförderung“ geschrieben, die 2007 mit dem „Preis der deutschen Marktforschung“ ausgezeichnet wurde. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts war er sieben Monate in Hanover, NH am Dartmouth College als Visiting Researcher beschäftigt. Heute lebt er wieder in Nürnberg und ist Gesellschafter in dem mittelständischen Großhandelsunternehmen Winkler & Schorn.