Visioning Future Metropolis: Von Chicago und Hamburg lernen

Von Chicago und Hamburg lernen

„Make no little plans“ – eine Forderung, die Daniel Burnham, Autor des Plan of Chicago, zugeschrieben wird. Entsprechend ambitioniert geriet eben dieser Plan, den Burnham und sein Partner Edward Bennet 1909 für Chicago vorlegten.

Anlässlich dieses 100. Jubiläums und des zugleich 100. Jahres der Berufung von Fritz Schumacher als Hamburger Oberbaudirektor veranstaltete das Fachgebiet Stadtplanung und Regionalentwicklung der HafenCity Universität (HCU) Hamburg gemeinsam mit dem USGeneralkonsulat und dem Amerikazentrum Hamburg am 3. und 4. September 2009 im Rahmen des Hamburger Architektursommers die Tagung „Visioning Metropolis Hamburg: Learning from Chicago?“.

100 Jahre Burnham-Bennet – 100 Jahre Schumacher

Ausgehend von der Großstadtkritik und den Reformbewegungen des angehenden 20.Jahrhunderts (Prof. Dr. Angelika Schaser, Universität Hamburg) und einer Darstellung der sozialen und baulichen Verhältnisse Hamburgs um 1900 wurde Fritz Schumacher als „Konservativer der Moderne“ dargestellt (Volker Plagemann, zitiert von A. Schaser). „Zwischen Heimatstil und neuer Sachlichkeit reagierte er mit den Mitarbeitern seiner Behörde auf die Probleme der Zeit und schuf in sozialer Verantwortung eine Architektur der Moderne, die das Stadtbild bis heute prägt“.

Ähnlich wie in Hamburg, waren auch in Chicago (Prof. Thomas Hines, University of California) ein großes, verheerendes Feuer und gleichzeitig eine rasante Zunahme von Handel und Wirtschaftskraft die Voraussetzungen für neue Planungen. Diese stellten die bisherigen Stadtstrukturen in Frage und rückten die Stadt in einen neuen, regionalen Zusammenhang. Anders als in Hamburg, gingen dort die Impulse allerdings nicht der öffentlichen Hand in Person des Oberbaudirektors (Fritz Schumacher), sondern von der privaten Initiative des Commercial Club aus. Dieser engagierte Burnham, den Organisator der World’s Columbian Exposition zum 500. Jubiläum der Entdeckung Amerikas, die 1893 in Chicago stattfand. Trotz ihrer umstrittenen Ästhetik wurde die temporäre Ausstellung zu einem Modellversuch für eine neue Stadt- und Landschaftsgestaltung, die ihren Fokus auch auf Fragen der Infrastruktur und auf die Verkehrsanbindungen legte.

Visionen und Erbe der Stadtplanung in der Metropolregion Chicago

Vor diesem Hintergrund stellt der Plan of Chicago „eines der wichtigsten Dokumente der US-amerikanischen Stadtplanungsgeschichte dar“ (Prof. Dr. Dirk Schubert) „Er ist der erste vorausschauende Entwicklungsplan für die rasch wachsende Großstadtregion Chicago.“ Daneben ist der Plan „viel mehr als ein Plan. Er geht auf die Hintergründe und Notwendigkeiten von Planung ein, er liefert Beispiele aus Europa und refl ektiert in einem umfassenden „Survey“ die Entwicklungsprobleme und Chancen Chicagos. Die Illustrationen und Pläne haben vor allem didaktische Intentionen: Sie zeigen auf, wie aus Chicago langfristig eine lebenswerte, attraktive und schöne Metropole werden könnte“ (Schubert).

Aspekte die in der veröffentlichten Version des Plan of Chicago nur eine untergeordnete Rolle spielen, betreffen Fragen der sozialen Fürsorge und der Schaffung einer entsprechenden öffentlichen Infrastruktur. Diese stellte Kristen Schaffer (North Carolina State University) in ihrem Beitrag vor. Bemerkenswert ist, dass Burnham seinerzeit bereits Fragen der Sozialfürsorge (bspw. im Gesundheitswesen) diskutierte, die nach wie vor aktuell sind und in den USA bis heute nicht in diesem Maße realisiert werden konnten.

Visionen und Erbe der Stadtplanung in der Metropolregion Hamburg

Vor dem Hintergrund der eingehenden Betrachtung der Planungen und Visionen Burnhams für Chicago wurde Hamburg als Vergleichsraum hinzugezogen. Prof. Dr. Hartmut Frank (HCU Hamburg) erläuterte die Unterschiede des Plan of Chicago zur Arbeit Schumachers in Hamburg. Während Burnham ein kompaktes Planwerk als umfassende Vision entwickeln konnte, gelang dies Schumacher für Hamburg nicht. Der „Federplan“ ist im engeren Sinn kein „Plan“, sondern eher eine Strukturüberlegung, wie sich eine Hafenstadt an der Elbe entwickeln könnte. Umfassende Planwerke, die eher mit dem Plan of Chicago zu vergleichen sind, entwickelte Schumacher an anderen Wirkungsstätten, beispielsweise für Köln. Dennoch gibt es in der Hamburger Arbeit Schumachers Bezüge zum Plan of Chicago, der den europäischen Planern dieser Zeit als Beispiel fortschrittlicher Stadtplanung durchaus bekannt war. Schumacher bezieht sich in einzelnen Fragen zur Umgestaltung Hamburgs sogar explizit auf Burnham. Die reale Entwicklung Hamburgs – auch nach der Schaffensperiode Schumachers – beleuchtete Prof. Dr. Jürgen Oßenbrügge (Universität Hamburg). Oßenbrügge zeigte anhand der Suburbanisierung in der Region nach dem Zweiten Weltkrieg die Stärken des Achsenmodells von Schumacher auf. Für die Gegenwart bescheinigt Oßenbrügge dem Achsenmodell zwar nach wie vor einen hohen rhetorischen Stellenwert, der aber immer weniger Substanz biete, die tatsächlichen Entwicklungen der Restrukturierung von Wirtschaftszusammenhängen und der Bevölkerungs- wie Siedlungsentwicklung effektiv zu steuern. Eine Renaissance könnten auf Konzentration zielende punktaxiale Raumkonzepte allerdings im Zuge der Debatte über Klimawandel und CO2-Verminderung gewinnen, so dass ihre Beurteilung ambivalent bleibe.

Perspektiven für die Metropolregion Hamburg

Wie sollte sich die Metropolregion Hamburg weiterentwickeln? Bedarf es neuer „großer Pläne“ oder neuer Raumkonzepte? Der heutige Hamburger Oberbaudirektor Prof. Jörn Walter wies als Herausforderung insbesondere auf die heterogene Struktur der Metropolregion Hamburg über die Ländergrenzen hinweg hin. Darüber hinaus stellen sich Anforderungen der verstärkten Internationalisierung, des Sprungs über die Elbe, um den Norden und den Süden Hamburgs enger miteinander zu verbinden, der Zukunft des Hafens und der Elbausbau sowie des Klimawandels.

Besonders für die beiden letztgenannten Punkte hält Walter eine effektive regionale Koordination für unabdingbar, die die Metropolregion in ihrer aktuellen Form so nicht leisten kann. Gründe liegen in zu aufwändigen Abstimmungsverfahren und in der geringen Ressourcenausstattung der Metropolregion als Institution.

Mit der Frage, wie die Ausgestaltung der Metropolregion Hamburg zukünftig aussehen sollte, beschäftige sich ein Workshop in der letzten Phase der Konferenz. In vier Arbeitsstationen erarbeiteten die Teilnehmer Vorschläge zu folgenden Thesen beziehungsweise Fragen:

  • – Make no little plans – nur große Pläne können etwas bewegen
  • – Visionieren und Missionieren –von top-down- und bottom-up-Prozessen
  • – Metropolregion Hamburg – im Norden, Osten, Süden und Westen (…und international)
  • – Lebensqualität Metropolregion: Wasser, Parks, Architektur – oder eQuality und virtuelle Netze?

Trotz der im Rahmen der Tagung vorgestellten „großen Pläne“ herrschte Skepsis gegenüber „big plans“ vor, da sie oft als nicht problemadäquat und zu unspezifi sch empfunden wurden. Wichtig war allen Teilnehmern, dass die Erarbeitung beziehungsweise Umsetzung nicht „missionarisch“, sondern konsensuell und erklärend sowie überzeugend erfolgt. Hierzu bedürfe es in der Metropolregion eines neuartigen Regionalmanagements, das sowohl die Akteure „unten“ (Bürger und lokale Beteiligte) als auch „oben“ (übergeordnete Verwaltungen und gesetzgebende Institutionen) mitnimmt.

Metropolregion Hamburg mit neuem Leben füllen

Ungeklärt blieb letztendlich auch die Frage, was denn die „Metropolregion“ Hamburg grundsätzlich sein sollte. Der Hamburger Kern wurde als Motor der Entwicklung, das Umland aber als Qualitätsgarant gesehen. Hervorgehoben wurden Aspekte wie Sicherheit, Arbeitsplatzqualitäten und – vielleicht in Anlehnung an Burnhams Visionen – auch soziale Themen, vom Umgang mit Kindern und Jugendlichen bis hin zur Barrierefreiheit und Sicherung der Daseinsvorsorge im demographischen Wandel. Aufgegriffen wurde auch Burnham´s Forderung, den Zugang zum Wasser als Recht für die Allgemeinheit zu ermöglichen statt beispielsweise die Elbufer durch den Bau von Gewerbeimmobilien zu privatisieren.

Insgesamt lässt sich als Fazit der Tagung feststellen, dass sowohl Daniel Burnham als auch Fritz Schumacher wegweisende Planungen vorlegten, die beide bis heute nicht an Anziehungskraft und Faszination verloren haben: Der Burnham-Bennet-Plan durch seinen übergreifenden Ansatz und eine Vielzahl von auch heute noch aktuellen Aspekten – nicht zuletzt die Betrachtung der Stadt in ihrem regionalen Kontext – und der Federplan Schumachers als grundsätzliche Strukturüberlegung, die durch ihre Eingängigkeit nach wie vor als Lehrstück von Stadt- und Regionalentwicklung herangezogen werden kann.

Als „Lernerfolg“ von 100 Jahren stadtregionaler Planung in Chicago und Hamburg lässt sich festhalten, dass es neben großräumig gedachten Strukturüberlegungen –“big plans“, die heute ihr Pendant in Großprojekten und –ereignissen finden – auch Visionen zur Verbesserung der Lebensqualität und des Wohn- und Arbeitsumfelds der Bewohnerinnen und Bewohner bedarf. Der Plan of Chicago besticht unter anderem auch durch die plastische, realitätsnahe Bebilderung, die Jules Guérin als Illustrator von der möglichen Zukunft Chicagos gezeichnet hat.

Im Gegensatz dazu erscheint die heutige Metropolregionsdiskussion sehr nüchtern und technokratisch. In dieser Form wird sie die Menschen kaum begeistern und zu einer emotionalen Identifi kation mit dem Projekt Metropolregion Hamburg stimulieren können. Somit bieten die Ergebnisse der Tagung eine Reihe von interessanten Punkten, die zu der Debatte über die Zukunft Hamburgs und der Metropolregion beitragen können.

Eine Vertiefung der Forschungsarbeiten über die Stadtregionen Chicago und Hamburg wird das Fachgebiet Stadtplanung und Regionalentwicklung der HCU im Rahmen einer Exkursion nach Chicago vornehmen, die im Mai 2010 unter der Leitung von Jörg Knieling und Tobias Preising stattfinden wird.

AUTOREN + KONTAKT
Dr. Jörg Knieling ist Professor und Dipl.-Ing. Tobias Preising ist Mitarbeiter im Fachgebiet Stadtplanung und Regionalentwicklung der HafenCity Universität Hamburg.

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