Rezension: CHICAGO – Porträt einer Stadt

Buch über den Mythos Chicago

Hrsg.: Johann N. Schmidt und Hans-Peter Rodenberg, Frankfurt / M. und Leipzig,
Insel Verlag, 2006, 278 Seiten, Preis: 10 Euro

In einer handverlesenen Serie von Einzelbeiträgen nähern sich die beiden Herausgeber – die Hamburger Professoren Johann N. Schmidt und Hans-Peter Rodenberg – dem Mythos Chicago.

CHICAGO Porträt einer StadtDer Leser findet eine Sammlung von fünfzehn Beiträgen verschiedener Verfasser. Dabei macht der teilweise sehr persönliche Stil der einzelnen Autoren – u.a. der Chicagoer Architekt Stanley Tigerman, der renommierte Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt sowie der Journalist Julian Weber – den besonderen Reiz des Buches aus.

Das Stadt-Porträt gliedert sich in vier Teile. Als erster und umfangreichster Part gibt „Stadt im Zeitraffer“ Einblick in die Geschichte Chicagos und tut dies auf angenehme Weise losgelöst vom bloßen Abhandeln trockener Fakten oder chronologischer Aufzählungen. Dennoch kommen natürlich die Klassiker in der Historie Chicagos (wie der Große Brand von 1871, der rasante ökonomische Aufschwung des 19. Jahrhunderts, die legendäre Weltausstellung 1893, die berühmten riesigen Schlachthöfe und der Chicago Jazz) ausführlich zur Sprache.

„Stadt der Moderne“ befasst sich insbesondere mit den Aspekten der Architektur und Urbanistik. In Fachbeiträgen werden u.a. die Geschichte des Einflusses deutscher Architektur in Chicago, die industrielle Modellstadt Pullman-Town (kreiert vom Erbauer des Pullman-Schlafwagens) sowie das Thema Stadterneuerung nach dem Zweiten Weltkrieg beleuchtet. Martha Thorne gibt in ihrem Beitrag detaillierte Einblicke in die architektonische Gegenwart Chicagos mit all ihren vielfältigen Kontrasten.

Chicagos Rolle in der Literatur ist zentrales Thema in „Die Stadt zwischen Phantasie und Wirklichkeit“. Hervorzuheben sind hier die Beiträge zu Chicago im Werk von Theodore Dreiser sowie die Schilderung der fünfzehn Monate währenden „biographischen Mesalliance“ zwischen Ernest Hemingway und Chicago.

Das Panorama wird abgerundet durch den vierten Teil „Die Stadt der Illusionen“, der sich dem Thema Chicago im Film widmet. Eine große Rolle spielen hier natürlich die Gangsterfilme der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, aber auch eine Fülle von deutschen Dokumentarfilmen (exemplarisch hervorgehoben „Weltstadt in Flegeljahren“ von Heinrich Hauser) und Reiseberichten, die zur gleichen Zeit entstanden. Der Beitrag „Töne und Bilder einer Metropole“ skizziert die Vielzahl der Kinogeschichten im Laufe eines Jahrhunderts, für die Chicago eine „‚unerschöpfliche Quelle“ verkörpert.

Zum Schluß findet der Leser eine abwechslungsreiche Auflistung von Chicagoer Superlativen, sprich Erfindungen und Rekorde, die das Bild von Chicago als „Metropole mit ungebremster Entwicklungsdynamik und Selbstgestaltungswillen (…) und voll kühner Visionen“ mit überraschenden Details abrunden.

Dieser gelungene Reise“ver“führer gehört ins Handgepäck eines jeden interessierten Chicago-Reisenden als empfehlenswerte Ergänzung zum klassischen Reiseführer.