Rezension: Chicago May – Königin der Gangster

Eine Biografie von Nuala O´Faolain

(aus dem Englischen von Karen Nölle-Fischer)
May Duignan ist Chicago May. Geboren 1873 in Edenmore/Irland und aufgewachsen in armen Verhältnissen, verlässt sie mit 17 Jahren die irische Provinz und wandert als alleinreisende Emigrantin über New York nach Nebraska aus.

Chicago MayDort erwählt sie sich als Geliebten Dal Churchill, einen jener romantisch verklärten Revolverhelden, der als Mitglied der berüchtigten Dalton Bande in den 1880ern den mittleren Westen unsicher macht. Als Gefährtin Dal´s arbeitet May Duignan fortan als ebenbürtige Partnerin eines Banditen und bricht als Frau – äußerst ungewöhnlich für die damaligen Verhältnisse – in eine männerdominierte Welt ein. Mit Dal´s Tod – er wurde gelyncht – ist May Duignan gezwungen, ihren eigenen, unabhängigen Weg zu gehen. 1893 lässt sie sich in Chicago nieder und beginnt ihre Karriere als Diebin und Prostituierte.

Das damalige Chicago ist – zwei Jahrzehnte nach dem großen Brand – eine aufstrebende amerikanische Metropole. Die großen Schlachthöfe und Agrarkonzerne, seine zunehmende Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt, das Streben in bis dato unbekannte architektonische Dimensionen sowie eine pikante gesellschaftliche Mischung zwischen Politik und Cops, zwischen Pinkertons Detektei und gesellschaftsfähiger Gangsterszene beschreiben die urbane Atmosphäre jener Zeit. Die bevorstehende Weltausstellung führt 1893 zur massenhaften Zuwanderung von Saisonarbeitern, Touristen und Abenteurern und bildet die Kulisse für den Auftakt einer ungewöhnlichen Karriere jenseits des gängigen Frauenbildes. May Duignan alias „Chicago May“ wird – über die Grenzen Chicagos hinaus – die unbestrittene „Queen of the Crooks“. Als ihr der Boden in der ‚Windy City‘ zu heiß wird, führt sie ihr unstetes Leben über Manhattan, Kairo, Rio und London nach Paris. Am Ende ihres, von Wirrungen und Irrungen geprägten Weges, schließt sich der Kreis mit ihrer Ausweisung aus England in die USA. Dort motiviert sie der weit über die USA hinaus bekannte Polizeireformer August Vollmer, ihre Lebensgeschichte zu dokumentieren. Noch vor ihrem Tod 1929 in Detroit schreibt sie unter dem Titel „Queen of the Crooks“ ihre Memoiren.

Warning poster from 1900
Warning poster from 1900: “Migrating Girls, Beware!“

Der irischen Autorin Nuala O´Faolain gebührt – ein knappes Jahrhundert nach dem Tod von „Chicago May“ – der Verdienst, eine faszinierende Biografie vorgelegt zu haben. Mit differenziertem Urteil über die Verhältnisse im Milieu und kritischer Distanz zur Hauptfigur, begibt sie sich auf die Spuren von „Chicago May“. Dabei meidet sie jede Form des Voyeurismus und lässt ihre Leser hautnah an der Annäherung an die Protagonistin teilhaben. O´Faolain greift, als müsse sie sich an den Orten des Geschehens selbst versichern, zum Mittel des Lokaltermins und bereist viele Stationen aus „Chicago Mays“ Leben. Mit assoziativer Kraft interpretiert sie weniger aussagekräftige Passagen in den Originalquellen und haucht mit ihrer Detail-Kenntnis den Situationen und Orten neues Leben ein. Wo etwa der Chicago-River in den Michigansee mündet, erinnert sie an die längst abgerissenen Bordelle von The Sands, im ehemaligen Quartier des Tenderloin in Lower Manhattan vergegenwärtigt sie das volle Ausmaß des Horrors zwischen Erwerbslosigkeit, Drogenkonsum und Prostitution und vor dem Frauengefängnis Aylesbury nahe London beschreibt sie die eingeschränkte Aussicht aus May´s Zelle. Sie dringt – auf dem Hintergrund deren 10-jähriger Gefängnistristesse – in die spröde und ruppige Sprache „Chicago May´s“ ein. Mit scharfer Analytik stellt O´Faolin präzise Fragen an die weibliche Motivation ihrer Hauptfigur. „Welche Handlungslogik erzwangen die tradierten Geschlechtsrollen jener Zeit? Über welches Entscheidungsspektrum verfügte „Chicago May“ und welchen Zwängen war sie ausgesetzt?“ Und immer wieder hinterfragt sich die Autorin selbst: Wie hätte ich als Frau in der damaligen Situation von „Chicago May“ gehandelt? So verlässt O´Faolin die Oberfläche der überlieferten Zitate und Textpassagen und findet überraschende Antworten in den Sphären des gesunden Menschenverstandes. Sie erfühlt gleichsam die weiblichen Handlungsmaximen jener Zeit und durch die Identifikation mit ihrer ‚Schwester im Geiste‘ nimmt sie die Leser mit in das Labyrinth menschlicher Irrwege. Das Resultat ist eine berühmt-berüchtigte Frauengestalt mit menschlichem Antlitz.

Nuala O´Faolain hat ein eindrucksvolles Buch über ein mit vielen Legenden behaftetes Milieu geschrieben. Es besticht durch seine Emotionalität und Offenheit und ist eine Ode an die menschliche Würde. Gleich, ob in den Stundenhotels von Chicago´s First Ward, in London´s Soho oder auf Hamburg´s Reeperbahn: Überall dort, wo das Rotlicht die Wirklichkeit verzerrt, dort wo der Schein alles und die Hure nichts gilt, rückt die Lebensgeschichte von „Chicago May“ die Realität ins rechte Licht. Wer O´Faolain´s „Chicago May“ liest, entwickelt ein Stück Resistenz auch gegen aktuelle Legendenbildung und Halbweltglorifizierung.