Partnerstadt schafft Partnerschaft

Eine fiktive Liebesgeschichte durch die Statistik

Lea wacht morgens auf. Ihr Kopf schmerzt und ein riesiger Durst überkommt sie. Wievielen der 1,7 Mio. Hamburger Einwohner geht es an diesem Sonntagmorgen wohl ähnlich? Da kein Getränk in der Nähe zu sein scheint, wankt sie widerstrebend aus ihrem Bett. Auf dem Weg in die Küche stolpert sie über den vertrockneten ADVENTSKRANZ, der während der letzten acht Monate nicht den Weg aus ihrer Ottensener Wohnung gefunden hat, und landet mit ihrem großen Zeh auf Siegfried LENZ´ Deutschstunde.

Sie reibt ihren Zeh und bereut die letzten ASTRAs des gestrigen Abends. In der Küche angekommen, schnappt sie sich ein Glas Wasser und raucht erst einmal eine Zigarette. Seit ihr Vater ihr beim traditionellen BIRNEN, BOHNEN und SPECK Essen ihrer Oma erzählt hat, dass die Filterzigarettendrehmaschine von einer Hamburger Firma entwickelt wurde, wird sie beim Rauchen ständig an diesen merkwürdigen Namen erinnert: HAUNI. Inspiriert von der Strandtapete ihrer Küche, träumt Lea sich auf ein KREUZFAHRTSCHIFF in die Karibik. Doch dann wird ihr das heutige Datum bewusst: In zwei Tagen fliegt sie bereits nach Chicago zum legendären JAZZ FESTIVAL.

Die Kirchenglocken läuten sechsmal. 18.00 Uhr bereits. Sie erinnert sich an den heutigen Geburtstag ihres Freundes MAX. Grillen am ELBSTRAND. Schnell fährt sie mit dem Fahrrad zum Elbstrand. Obwohl Regen vorhergesagt ist, bleibt es den ganzen Abend mild und trocken. Der Blick auf den Hafen ist jedes Mal atemberaubend. Der Hamburger HAFEN mit einem Gesamtumschlag von 135 Mio. Tonnen, davon 8,9 Mio. Container, ist der größte europäische Containerhafen für Handel mit China und Osteuropa. Wieder eine Information ihres lexikonartigen Vaters. Als sie ihre Freunde findet, staunen gerade alle über den neuen AIRBUS A 380, der zwar nahezu geräuschlos, aber dennoch riesenhaft über ihnen schwebt. Die Musik der ABSOLUTE BEGINNER tönt aus der STRANDPERLE. Ihr Ohrwurm von KETTCARs „Landungsbrücken raus“ lässt sich dadurch allerdings nicht beirren.

Der Abend war kurz, nur ein ALSTERWASSER trank sie, um sich dann auf in ihre Wohnung zu machen. Der nächste Tag verlief unspektakulär. Lea packte ihre Sachen. Um die 25 Grad Celsius waren für die letzten Augusttage in Chicago vorhergesagt. Obwohl sie ebenfalls gelesen hatte, dass der WIND in dieser Stadt äußerst unberechenbar sei, entschied sie sich für leichte Kleidung. Abends ging sie noch mit einer Freundin ins THALIA THEATER und schaute sich Wolfgang BORCHERTs „Draußen vor der Tür“ an. Am nächsten Tag, auf dem Weg zum Flughafen FUHLSBÜTTEL erstand sie in Eile noch schnell zwei FRANZBRÖTCHEN und entschied sich für eine HINZ UND KUNZT.
Hamburger Alster Die Hamburger Alster – Sie passt 2700 mal in den Lake Michigan

Jacob, einer der 2,8 Mio. Einwohner Chicagos, steigt aus dem Taxi, die CHICAGO TRIBUNE unter dem Arm und geht in den O´HARE Flughafen. Beim Eintreten kommt ihm eine junge Frau entgegen. Sie trägt ein T-Shirt, das ihm aus seiner Zeit als Austauschschüler in Erinnerung geblieben ist: FC ST. PAULI steht in großen Lettern auf dem T-Shirt. Damals war er in Hamburg – der Partnerstadt von Chicago. Verträumt blickt er der hübschen Frau nach und bemerkt plötzlich ihre herausfordernden, grünen Augen, die ihn geradewegs anschauen. Ein feines Lächeln verlässt ihre Lippen. Nur für ihn bestimmt. Seine Hand umfasst immer noch den Türgriff, doch der flüchtigen Bekanntschaft bleibt keine Zeit, die junge Frau ist verschwunden.

Zwanzig Minuten später sitzt er in der Wartehalle. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, endlich Upton SINCLAIRs „Jungle“ zu lesen. Doch seine Vorfreude auf Hamburg verbietet jegliche Konzentration. Lieber hört er etwas entspannte Musik von R. KELLY. Seine Gastfamilie von damals wird er wiedersehen, alte Freunde treffen. In den letzten Wochen hat die Uni ihn stark gefordert. Die Last von 81 NOBELPREISTRÄGERN, mit denen sich die UNIVERSITY OF CHICAGO rühmt, liegt spürbar auf den Schultern der Studenten. Während er für die letzten Tests büffelte, ernährte er sich ausschließlich von Pizza und BABY RUTH Schokoladenriegeln. Als alles geschafft war, kochte die Mutter seines besten Freundes als Belohnung für sie Pierogis, die an die POLNISCHEN Wurzeln der Familie erinnerten. Als Belohnung für die bestandenen Prüfungen schenkte ihm sein Vater eine Dauerkarte für die kommende Saison der CHICAGO BULLS. Er liebt diese Mannschaft, spielt selbst im Team der Universität. Während des Sommers war er viel am LAKE MICHIGAN laufen gewesen. Und da er jetzt einen Teil der Vorbereitung verpassen würde, müsste er wohl oder übel auch in seinem Urlaub ein paar Runden um die Hamburger ALSTER drehen, die ihm stets so klein erscheint. Er hatte es nachgerechnet: 2700 mal passt die Alster in den Lake Michigan, der eine Fläche von 57.800 km2 aufweist. Dafür ist Hamburg nicht weit von NORD– und OSTSEE entfernt. Er muss an seine Mutter denken. Sie war damals, als seine Eltern ihn in Hamburg besuchten, begeistert von dieser Stadt. Die Sammlung der Hamburger KUNSTHALLE beeindruckte die Kunstliebhaberin, schmälerte allerdings ihre seit Jahren anhaltende Euphorie für das ART INSTITUTE OF CHICAGO in keiner Weise. Dieses besitzt schließlich die weltweit größte Sammlung impressionistischer Gemälde außerhalb des Louvre. Neuerdings begeisterte sie sich für den Künstler HENRY DARGER, dessen spannende Werke heutzutage hoch geschätzt werden. Sein Vater hingegen war Architekt und unterrichtete seit kurzem am ILLINOIS INSTITUTE OF TECHNOLOGY, an dem die bekannte S.R. CROWN HALL von MIES VAN DER ROHE stand. Beide freuten sich für ihn, dass er wieder nach Deutschland fliegen konnte. Plötzlich wird Jacob aus seinen Gedanken gerissen. Sein Flug ist bereit zu boarden.

Lea und Jacob werden sich Jahre später in Prag, übrigens sowohl eine Partnerstadt Hamburgs als auch Chicagos, zufällig wiedertreffen und sich so schnell nicht mehr aus den Augen verlieren.

Kleines Lexikon (Hamburg)

ADVENTSKRANZ: 1893 von dem Hamburger Theologen Johann Wichern eingeführt.

ASTRA: Name eines Bieres, das in Hamburg von der Holsten-Brauerei vermarktet wird.

Siegfried LENZ: Bekannter deutscher Schriftsteller, der seit 1951 in Hamburg lebt und Mitglied der „Gruppe 47“ war.

BIRNEN, BOHNEN und SPECK: Neben Labskaus zählt es zu den traditionellen Gerichten Norddeutschlands.

HAUNI MASCHINENBAU AG: 1946 von Kurt A. Körber in Hamburg gegründet. Erfinder des ersten automatischen Filteransetzer, der heute in alle Welt exportiert wird und den Siegeszug der Filterzigarette ermöglichte.

KREUZFAHRTSCHIFF: 1891 bot der Hamburger Reeder Albert Ballin die erste Kreuzfahrt an.

ABSOLUTE BEGINNER: HipHop Band aus Hamburger Stadtviertel Eimsbüttel, u.a. mit Jan Delay.

STRANDPERLE: Café am Elbstrand

KETTCARs „Landungsbrücken raus“: Lied der Hamburger Band Kettcar, die ihre Liebe zum Hamburger Hafen besingt.

ALSTERWASSER: Mischgetränk aus Bier und Limonade. In Süddeutschland als „Radler“ bekannt.

THALIA THEATER: Eines der drei Hamburger Staatstheater. 2003 und 2007 zum deutschen „Theater des Jahres“ gewählt.

Wolfgang BORCHERTs „Draußen vor der Tür“: Nachkriegsdrama des Hamburger Schriftstellers.

FRANZBRÖTCHEN: Hamburger Backwerk aus Plunderteig und Zimt.

HINZ UND KUNZT: Beliebte Zeitschrift von Hamburger Obdachlosen gemacht und vertrieben.

FC ST. PAULI: Hamburger Fußballverein der 2. Bundesliga aus dem Stadtteil St. Pauli.

HAMBURGER ALSTER: Ein von dem Alsterfluss aufgestauter See mitten in Hamburg bestehend aus Binnen- und Außenalster mit einer Gesamtfläche von 182 ha.

Alster
Die Hamburger Alster - Sie passt 2700 mal in den Lake Michigan

HAMBURGER KUNSTHALLE: Verfügt über eine bedeutende Kunstsammlung. Schwerpunkt liegt auf Werken aus dem 19.Jh., moderne Kunst und Pop Art werden in wechselnden Ausstellungen präsentiert.

LEA und MAX: Lea und Max zählen neben Sophie und Leon, Marie und Paul momentan zu den beliebtesten Kindernamen Hamburgs.

Kleines Lexikon (Chicago)

CHICAGO JAZZ FESTIVAL: Traditionsreiches Festival, das seit 30 Jahren am Labor Day Weekend in Chicago stattfindet.

WIND: Chicago wird gerne als „Windy City“ bezeichnet.

CHICAGO TRIBUNE: Wichtige konservative Zeitung Chicagos. Preisgekrönt.

O´HARE FLUGHAFEN: Mit einem jährlichen Passagieraufkommen von mehr als 70 Millionen Fluggästen der am zweitstärksten frequentierte Flughafen der Welt.

Upton SINCLAIRs „Jungle“: Sozialkritischer Roman von 1906, der über die widrigen Arbeitsverhältnisse auf den Schlachthöfen von Chicago berichtet.

R. KELLY: Bekannter Sänger und Musikproduzent aus Chicago.

BABY RUTH Schokoladenriegel: Riegel aus Schokolade, Erdnüssen und Nougat. 1920 von der in Chicago ansässigen Curtiss Candy Company kreiert.

POLNISCHE Wurzeln: Die größte polnische Gemeinde außerhalb Warschaus lebt in Chicago.

CHICAGO BULLS: Erfolgreiches NBA Basketballteam aus Chicago. Bekannte ehemalige Spieler sind Michael Jordan und Dennis Rodman.

JACOB: In Chicago gelten neben Jacob, die Namen Isabella und Daniel sowie Michael und Emily als Favoriten für Neugeborene.

HENRY DARGER: 1892 in Chicago geborener und dort bis zu seinem Tod lebender Schriftsteller und Künstler, der als Hausmeister arbeitete. Nach seinem Tod wurde sein Werk zu einem der am höchsten gelobten der Outsider Art.

ILLINOIS INSTITUTE OF TECHNOLOGY: 1890 gegründete Technische Hochschule in Chicago, die Studenten in den Fächern Mathematik, Ingenieurswesen, Architektur, Psychologie, Kommunikationswissenschaften, Wirtschaft und Recht ausbildet.

MIES VAN DER ROHE: In Aachen geborener Architekt, der lange Zeit in Chicago lebte und dort eine Vielzahl von Gebäuden errichtete. Er zählt zu den bedeutendsten Architekten der Moderne und prägte das 20. Jh. mit seinen rationalen, gläsernen Bauten entscheidend.

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