Manfred Strack – interdisziplinär und transnational

Interview mit dem Vorsitzenden des Amerikazentrum Hamburg e.V.

Das Amerikazentrum Hamburg e.V. hat ein neues Gesicht. Eine kleine, nicht repräsentative Umfrage in Hamburg hat folgende Beschreibung dieses Gesichts ergeben: Offen und interessiert, nachdenklich und verschmitzt, kompetent und engagiert. Selten ist man sich in Hamburg in der Beschreibung einer Person so einig wie bei Manfred Strack, seit Dezember 2008 neuer Vorsitzender des Amerikazentrum Hamburg.

Manfred Strack - Vorsitzender des Amerikazentrum Hamburg e.V. (Copyright: Walter Wieland)
Manfred Strack - Vorsitzender des Amerikazentrum Hamburg e.V. (Copyright: Walter Wieland)

Vor allem in der Beurteilung seiner Rolle und seiner Verdienste erfährt man ein einmütiges Stimmungsbild: Wer in Hamburg etwas mit den USA zu tun hat, kennt und schätzt den studierten Amerikanisten und profunden Kenner der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Besonders die ihn charakterisierende Mischung aus Ernsthaftigkeit und feiner Ironie gestaltet die Zusammenarbeit mit Strack für zahlreiche Hamburger Akteure und Institutionen angenehm und verlässlich. Während des Studiums der Amerikanistik, Hispanistik, Politikwissenschaft und allgemeiner und vergleichender Sprachwissenschaft in Münster, Düsseldorf, Köln und Duisburg waren es vor allem die transnationalen und multikulturellen Themenstellungen mit interdisziplinären Forschungsansätzen, die Strack reizten. Ein Fulbright-Stipendium erlaubte ihm einen Studienaufenthalt in Austin (Texas), wo er sich mit American Studies und Mexican-American Studies beschäftigte. Dank des Stipendiums, welches verlangt, dass die Stipendiaten im Anschluss zumindest für einige Jahre in ihre Heimatländer zurückkehren, fand Strack wieder den Weg nach Europa und begann 1980 seine Arbeit in Düsseldorf. Seither war er 27 Jahre im Dienst der US-Regierung, seit 1989 dann in Hamburg tätig. Im letzten Jahr hat er seine Tätigkeit im amerikanischen Generalkonsulat beendet. Die von der Generalkonsulin Johnson ausgerichtete Feier zu seiner Verabschiedung belegte, was für ein breites und freundschaftliches Netzwerk an Kontakten Strack in den letzten Jahrzehnten auf beiden Seiten des Atlantiks aufbauen konnte. Dieses Netzwerk, seine Erfahrungen aus dieser Zeit, seine Kreativität und Kompetenz möchte Strack nun dem Amerikazentrum zugute kommen lassen. Stracks neue Rolle im Amerikazentrum und die im September bevorstehende Eröffnung des Gebäudes Am Sandtorkai 48 sind ein guter Anlass, ihn in diesem Hamburg-Chicago Newsletter einmal vorzustellen und ihm ein paar Fragen zu deutsch-amerikanischen Beziehungen, dem Amerikazentrum und seiner Vision für die Zukunft zu stellen.

Herr Strack, seit fast vier Jahrzehnten beschäftigen Sie sich intensiv mit den USA. Woher kam dieses Interesse?

Schon als Schüler entwickelte ich ein Interesse für die USA. Ich war fasziniert von John F. Kennedy und verfolgte die dramatischen Entwicklungen der Bürgerrechtsbewegung. Ich kann mich auch noch gut an Dokumentarsendungen wie Werner Baeckers „New York, New York“ und an Sonntagnachmittags-Western wie „Am Fuß der Blauen Berge“ erinnern. Dieses Interesse motivierte mich zur Aufnahme des Studiums der Amerikanistik. Entscheidend für meinen weiteren Weg waren die Teilnahme an Veranstaltungen des U.S. Information Service für Studierende und Lehrer. Ein wochenlanges Seminar des Frankfurter Amerika Hauses erzeugte mein Interesse für amerikanische Einwanderungsgeschichte, die intensiven Gespräche mit den amerikanischen Professoren führten zur Bewerbung an der University of Texas.

Sie haben 27 Jahre für US-Institutionen gearbeitet: Was waren besondere Highlights und Erfolge dieser Zeit? Welche Phasen oder Themen würden Sie als besonders schwierig bezeichnen und welches waren die wichtigsten Erfahrungen, die Sie aus dieser Zeit mitgenommen haben?

Es war immer eine spannende Zeit, denn es gibt ja so viele Themen, die im Zusammenhang der amerikanischen Erfahrungen diskutiert werden. Amerikanische Außenpolitik und die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind dynamische Felder mit großer Wichtigkeit für Deutschland. Ich habe sieben Jahre im US-Generalkonsulat in Düsseldorf gearbeitet, anderthalb Jahre in Köln, acht Jahre im Hamburger Amerikahaus und schließlich elf Jahre im Generalkonsulat in Hamburg. Schwierig waren die ersten Jahre der Reagan-Administration, die Zeit der NATO Nachrüstungsdebatten, 9/11 und die deutsch-amerikanischen Beziehungen nach dem Beginn des Irak-Krieges. Daraus haben sich natürlich auch schwierige Themen ergeben. Als besonderes Highlight möchte ich das 1983 begangene „Tricentennial“ nennen, die 300 Jahr-Feier zur deutschen Auswanderung nach Amerika. Diese Veranstaltung war ein bemerkenswertes Beispiel für Aktivitäten, die auf lokaler Ebene (der Stadt Krefeld) entwickelt und dann wegen ihrer Überzeugungskraft zu nachhaltig wirkenden Projekten auf deutsch-amerikanischer Ebene führten. Die Nachhaltigkeit wurde u. a. erreicht durch das damals begründete Deutsch-Amerikanische Patenschaftsprogramm zwischen Bundestag und US Kongress. Eine wichtige Erfahrung ist, dass internationale Kulturarbeit Kontinuität braucht, damit Kontakte entstehen und wachsen können. Die Früchte dieser Arbeit sind erst nach längerer Zeit zu ernten, man kann nicht heute in internationale Kulturarbeit investieren und schon morgen „return on investment“ bekommen. Auf der anderen Seite bewähren sich die gewachsenen, intensiven Kontakte auch in schwierigen Zeiten und sorgen dafür, dass die Dialoge unterhalb der Regierungsebene nicht abreißen.

Kaum jemand ist so prädestiniert wie Sie, den deutsch-amerikanischen Austausch insgesamt zu beurteilen. Wie hat sich der Austausch verändert im Vergleich zum Beginn Ihrer Laufbahn und welche Tendenzen zeichnen sich in den letzten Jahren ab? Welche Entwicklung würden Sie sich wünschen?

Deutsch-amerikanischer Austausch ist heute viel selbstverständlicher als etwa vor 25 Jahren, da internationaler Austausch insgesamt viel selbstverständlicher geworden ist. Obwohl die USA immer noch das Wunschland Nummer 1 sind, gibt es nun auch substanzielle Austauschbeziehungen zu vielen anderen Ländern, im englischsprachigen Raum neben Großbritannien auch Kanada und Australien. Auf der universitären Ebene sehen wir eine große Attraktivität amerikanischer Universitäten für den deutschen Forschernachwuchs, der zur Entwicklung von Anreizen geführt hat, deutsche Forscher in die Bundesrepublik zurückzuholen. Die sehr leistungsfähigen amerikanischen Universitäten und die dadurch gespürte mangelnde internationale Konkurrenzfähigkeit deutscher (und europäischer) Universitäten waren Gründe für die Einführung des sogenannten Bologna-Prozesses und der Exzellenzinitiative der Bundesregierung zur Stärkung europäischer Mobilität und der Leistung deutscher Hochschulen. Leider wird nun immer mehr deutlich, dass eine Aufnahme einzelner Teile des amerikanischen Systems nicht genügt, um eine solche Wirkung zu erzielen. Manchmal führt der Bologna-Prozess ironischerweise sogar zum genau entgegen gesetzten Effekt: wegen der verkürzten Studienzeit haben BA-Studierende häufig kaum noch Möglichkeiten, an einem Austauschprogramm mit den USA teilzunehmen.

Wie schätzen Sie vor dem Hintergrund von Obamas letztem Deutschlandbesuch die Bedeutung des neuen US-Präsidenten für die deutsch-amerikanischen Beziehungen ein?

Die Bedeutung der Wahl von Barack Obama kann eigentlich gar nicht überschätzt werden. Hier haben mehrere historische Entwicklungen komplementär zu einer starken Veränderung der inneramerikanischen und internationalen politischen Landschaft geführt. Die positive Veränderung des Image der USA führt allein schon zu einer Verbesserung des Dialoges. In anderen Ländern wird die Wirkung noch viel größer sein, wenn die neue Rhetorik und die politischen Gesten neben ihrer ersten Symbolkraft auch zu nachhaltig wirkenden Veränderung durch Taten führt.

Sehen Sie vor dem Hintergrund der weltweiten Krise eine Tendenz zu stärkerem Zusammenhalt und zu stärkerer Notwendigkeit von gemeinsamen internationalen Lösungen, gerade zwischen den USA und Europa? Oder befürchten Sie eher einen Wandel zurück zu nationalen Egoismen?

Ich glaube, die internationalen Interdependenzen erlauben keinen wirklichen Rückfall in nationale Egoismen. Da große Probleme in einem internationalen Kontext entstehen und internationale Auswirkungen haben, verlangen sie auch nach internationalen Lösungen.

Sie setzen sich immer sehr ein für mehr inhaltlichen Austausch zwischen den Partnerstädten Hamburg und Chicago. Welche Formate des Austauschs würden Sie als besonders geeignet betrachten? Was sind Schwierigkeiten in diesem Austausch und wie könnte man diese überwinden?

Wir brauchen noch eine Bestandsaufnahme und Analyse der Institutionen und Organisationen auf beiden Seiten des Atlantiks im Hinblick auf ihre Wirkungspotenziale für die Städtepartnerschaft. Wir wissen noch viel zu wenig über die Players in diesem Spiel. Neben der benötigten Fern-Analyse brauchen wir mehr gegenseitige Besuche vor Ort, um die jeweiligen Repräsentanten kennen zu lernen, seine eigenen Einrichtungen vorzustellen und im Gespräch Ideen zur Entwicklung von Kooperationen auf ihre Realisierungsbedingungen abzuklopfen. Man sollte immer ein Ohr für die Wünsche der anderen Seite haben, denn nur wenn beide Seiten etwas zu gewinnen haben, gibt es eine nachhaltige Motivation für Zusammenarbeit.

Wie beurteilen Sie die amerikanische Szene und Gemeinde in Hamburg? Haben wir hier besonderes Potential?

Die amerikanische Szene in Hamburg ist nicht wirklich als eine solche zu erkennen. Es gibt einzelne sehr prominente Vertreter, aber nach meiner Einschätzung wenig „community spirit.“ Hoffentlich kann das Amerikazentrum hier mehr auf ein „community building“ hinwirken.

Sie haben nun ein neues Team an der Spitze des Amerikazentrums. Bitte stellen Sie doch kurz Ihre Kollegen vor!

Die neuen Vorstandsmitglieder sind Roland Kirch (Stellvertretender Vorsitzender) aus dem Management von Hapag-Lloyd, Jürgen Nielsen (Schatzmeister) mit Erfahrungen in amerikanischen Unternehmen, Dr. Mathias Neukirchen (Beisitzer) aus der Universitätsverwaltung. Alle Drei haben intensive persönliche Erfahrungen mit den USA. Sie sind hoch motiviert, bringen benötigte Kompetenzen ein und verfügen über interessante Netzwerke. Darüberhinaus freuen wir uns auf das weitere aktive Engagement von Generalkonsulin Karen E. Johnson und ihrem Stellvertreter im Vorstand, Christian Möller.

Wie sehen Sie die Rolle des Amerikazentrums? Welche Bedeutung wird der neue Ort haben? Und planen Sie eine Zusammenarbeit mit anderen internationalen Vereinen und Institutionen?

Das Amerikazentrum soll die Anlaufstelle für USA-Themen in Hamburg werden. 12 Jahre nach Aufgabe des Amerika-Hauses wird der neue Ort erheblich dazu betragen, uns eine neue Identität zu geben. Das attraktive Umfeld mit seiner spürbaren Dynamik und die Nähe zu wichtigen Einrichtungen inklusive der im Aufbau befindlichen HafenCity-Universität schaffen neue Wirkungspotenziale, die wir konsequent umsetzen wollen. Neben der Stärkung eigener Kompetenzen in ausgewählten Bereichen soll ein Mehrwert durch Einbindung einschlägiger Netzwerke erreicht werden. Räumlich ist das Amerikazentrum die Plattform für eigene, aber darüber hinaus auch für Aktivitäten anderer Anbieter zu USA-Themen. Jeder seriöse Verein, zu dem wir auf der Grundlage der Wichtigkeit internationaler Kulturarbeit eine Beziehung unterhalten können, ist eingeladen, unsere Räumlichkeiten gegen Zahlung einer Gebühr zu nutzen. Neben der logistischen Kooperation sind wir auch offen für sinnvolle inhaltliche Kooperationen.

Bitte nennen Sie uns einige wichtige Veranstaltungen und Projekte, die Sie in den nächsten Monaten und Jahren angehen möchten.

Ein Schwerpunkt wird der weitere Ausbau unserer Kompetenzen im Bildungsbereich sein. Wir bieten durch unsere Sprachkurse, Zulassungstests für amerikanische Schulen und Hochschulen sowie durch unsere Beratungstätigkeit einen umfassenden Service für Schüler, Studierende und junge Berufstätige zur Vorbereitung ihrer USA-Aufenthalte. Hier erreichen wir mit den jungen Leuten die Entscheidungsträger von morgen, die wir an das Amerikazentrum binden möchten. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in dem Bereich „Amerikastudien“, besonders in der effektiven Vernetzung von Hochschulen und Schulen in Norddeutschland. Den Hochschulen möchten wir weiterhin aktive Unterstützung bei der Suche nach amerikanischen Partnern bieten, ferner Unterstützung für die USA-bezogene Arbeit der Akademischen Auslandsämter. Wir sollten versuchen, ein Praktikantenprogramm Hamburg-USA und vice versa aufzulegen, um neben den deutsch-amerikanischen Beziehungen auch die Beziehungen zwischen Universität und Wirtschaft auszubauen. Ich glaube, dass wir der Wirtschaft auch interessante Einblicke in die amerikanischen Erfahrungen verschaffen können. Die städtepartnerschaftlichen Beziehungen zwischen Hamburg und Chicago müssen weiterhin ausgebaut werden. Das diesjährige Jubiläum ist jedenfalls Anlass genug, diese Partnerschaft überhaupt erst noch besser bekannt zu machen.

Was sind die besonderen Herausforderungen, denen das Amerikazentrum und Ihre Arbeit dort begegnet oder begegnen wird?

Die größte Herausforderung ist, bei einem minimalen Budget und minimalem Personalbestand erfolgreiche Arbeit zu generieren. Wir müssen so schnell wie möglich unsere ökonomische Arbeitsgrundlage substanziell verbessern durch aktive Mitgliederwerbung, erfolgreiches Fundraising und einer Programmarbeit, die noch genügend Möglichkeiten zur Tagesvermietung unserer Räumlichkeiten zulässt. Eine Herausforderung wird sein, deutlich zu machen, dass die Leistungsfähigkeit des Amerikazentrums erst dann deutlich gesteigert werden kann.

Zum Abschluss: Wo sehen Sie das Amerikazentrum in zehn Jahren?

Ich sehe das Amerikazentrum dann als DIE Anlaufstelle für USA-Themen mit einer eigenen Kompetenz im Bildungs- und Kulturbereich und einer sehr guten Vernetzung in die Wirtschaft. Und als eine Institution, die die Internationalisierung der Metropolregion Hamburg konkret fördert.

Vielen Dank, lieber Manfred Strack, für dieses Gespräch.