Jugendstil und Luftschutzkeller:

Das "Esso-Haus" am Neuen Jungfernstieg 21

„Für die Leser, die die Stadt Hamburg nicht kennen, und es gibt derer vielleicht in China und Oberbayern, für diese muss ich bemerken, dass der schönste Spaziergang der Söhne und Töchter Hammonias den rechtmäßigen Namen Jungfernstieg führt, dass er aus einer Lindenallee besteht, die auf der einen Seite von einer Reihe Häuser, auf der anderen Seite von dem großen Alsterbassin begrenzt wird, und dass vor Letzterem, ins Wasser hineingebaut, zwei zeltartige, lustige Kaffeehäuslein stehen, die man Pavillon nennt.“ (Heinrich Heine, 1834)

Esso-Haus am Neuen Jungfernstieg in Hamburg
Esso-Haus am Neuen Jungfernstieg in Hamburg
©Denkmalschutzamt Hamburg – Bildarchiv, Fotograf: Nicolai Wieckmann

Der Jungfernstieg ist ein zentraler Ort Hamburgs. An schönen Tagen, wenn sich die Sonne im dann blauen Becken der Binnenalster spiegelt, lassen sich Hunderte Touristen und Hamburger auf den Ufertreppen und im Alsterpavillon nieder. Kleine Barkassen starten von hier aus ihre Besichtigungsfahrt durch die Kanäle und Teiche der Stadt. Wer von dieser Stelle aus seinen Blick nach links schweifen lässt, hin zum Neuen Jungfernstieg, entdeckt am äußersten nordwestlichen Ende des Alsterbassins das so genannte „Esso-Haus“. Es wurde 1908 als Verwaltungsgebäde der Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesellschaft (DAPG) errichtet und in den 30er Jahren um- und ausgebaut. Seinen „Rufnamen“ erhielt es 1950: Damals benannte sich die DAPG in Esso AG um, weil die Marke „Esso“ bekannter geworden war als der Firmenname.

Paternoster im Esso-Haus
Paternoster im Esso-Haus

Der erste – noch im Jugendstil gehaltene – Bau zog zunächst Kritik auf sich: Die Architekten hatten sich nicht an die damalige Konvention gehalten, die der Straße zugewandte Fassade zu verputzen. Stattdessen bestand die Vorderfront des Gebäudes aus Backsteinen. Damals jedoch waren die roten Ziegelfarben aber der zu den Fleeten hin gelegenen „Arbeitsseite“ der Häuser vorbehalten. Heute ist das ursprüngliche Erscheinungsbild des Bauwerks nur noch an einem Seitenflügel zu erkennen. 1936-38 ging der ehemals L-förmig angelegte Originalbau in einer großzügigen Vierflügelanlage auf. Das neue Gebäude besteht aus einer Beton- Stahl-Konstruktion mit flachem Walmdach, die mit Cottaer Sandstein verkleidet ist. Der Mittelerker des Altbaus wurde übernommen, und auch seine Inneneinteilung, Geschosshöhen und Treppenhäuser wurden beibehalten. Die helle Sandsteinfassade ist durch Fensterreihung und kräftige Gesimse stark waagerecht gegliedert. Der Übergang von Fassade zu Dach wird mit einem umlaufenden Fries betont, einem sogenannten Zahnschnitt. An der Ecke zur Kreuzung Esplanade tritt dramatisch ein neungeschossiger Turm aus der Bauflucht hervor, und Ornamente aus rotem Porphyr zieren Erker und Turm. Innen finden sich noch heute Elemente sowohl von 1908 als auch von 1938, unter anderem historische Türen, Wandkachelung und Paternoster.

Das fünfte Obergeschoss zeigt einen eleganten, von Traditionalismus und Moderne gleichermaßen angeregten Stil der späten 30er Jahre. Schon 1939 wurden auf der Turmplattform ein Flak-Stellplatz und im Keller Luftschutzräume eingerichtet. Damit legt das Haus heute noch Zeugnis ab für die Kriegsvorbereitungen des Dritten Reiches. Als Besonderheit existierte bis Ende der 60er Jahre eine Großtankstelle im Erdgeschoss – ein Bekenntnis zum Firmenprodukt und zum modernen Fortbewegungsmittel Auto.

Sitzungssaal im Esso-Haus
Sitzungssaal im Esso-Haus

Nach dem Krieg beanspruchte die Militärregierung das Gebäude. Ab Sommer 1947 bezog die Esso-Verwaltung ihre alten Räumlichkeiten. 1964 schließlich verkaufte die Firma den Komplex an die Stadt, die darin Ende der 70er Jahre das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv, ein wirtschaftswissenschaftliches Forschungsinstitut, unterbrachte. Dabei wurde die Tankstelle entfernt und ein Laden sowie eine Bibliothek eingebaut. Seit 2007 beherbergt das Gebäude die Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften. Es steht als eines der bedeutendsten Hamburger Verwaltungsgebäude unter Denkmalschutz.

Quellenangaben:

Dorothee Engel (Hrsg.): Der Jungfernstieg.
Gestern-heute-übermorgen. Die Hanse in der Europäischen Verlagsanstalt, 1. Auflage.
esso.de