Joan Mitchell: Eine Entdeckung der New York School

Die Kunsthalle Emden zeigte vom 6.12.2008 bis 8.3.2009

Bis heute gehört der amerikanische Abstrakte Expressionismus der 1950er Jahre zu den faszinierendsten Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts. Dass innerhalb dieser so genannten New York School auch Künstlerinnen wirkten, deren Schaffen dem der männlichen Stars dieser Epoche in Nichts nachsteht, ist in Europa bis heute jedoch nahezu unbekannt geblieben.

Eine der außergewöhnlichsten Vertreterinnen dieser Epoche ist die 1926 in Chicago geborene Joan Mitchell, die ab 1950 in New York zu arbeiten und auszustellen beginnt. Mitchell gelingt es rasch, sich innerhalb der männlichen Domäne der New York School durchzusetzen. Schon bald gehört sie zur Avantgarde und ist eng mit Willem de Kooning und Franz Kline befreundet.

Joan Mitchell
“Neues Foto1”: Joan Mitchell, 1956 © Rudolf Burkhardt. Courtesy Joan Mitchell Foundation, used with permission

Ihre Malerei der 50er Jahre gleicht in ihrer erfrischenden Lebendigkeit dem modernen Jazz, der zeitgleich in New York entsteht. Obwohl ihre Gemälde gestisch und abstrakt sind, scheinen sie den Betrachter in die Straßenschluchten Manhattans, in die Hafenanlagen am Hudson-River oder in Schneestürme zu führen. Im Vergleich mit den berühmten, wilden „Drippings“ von Jackson Pollock markiert Mitchells Malerei mit ihren landschaftlichen Anklängen die lyrische Seite des Abstrakten Expressionismus.

Ab Mitte der Fünfziger Jahre pendelt die Künstlerin zwischen den USA und Frankreich, wo sie ab 1960 ständig lebt. 1969 erwirbt sie einen Besitz in Vétheuil bei Paris, auf dem das ehemalige Wohnhaus von Claude Monet steht. Hier arbeitet sie bis zu ihrem Tod 1992. Die Wahl ihres neuen Wohnortes ist kein Zufall: Auf bis zu acht Meter breiten Leinwänden setzt sich Mitchell fortan immer wieder mit wichtigen Leitfiguren der Klassischen Moderne – Vincent van Gogh, Paul Cézanne, Claude Monet und Piet Mondrian – auseinander. Dieser Diskurs ist einmalig.

Joan Mitchell
Gemälde-Datei “496”: Joan Mitchell, Sunfl owers, 1990-91 © The Estate of Joan Mitchell, Courtesy Joan Mitchell Foundation and Cheim & Reid Gallery, New York

„Es gibt keine gute Malerei über nichts“ hat Mitchells Künstlerkollege Mark Rothko einmal gesagt. Das Motiv in Joan Mitchells Malerei ist in diesem Sinne immer das Leben selbst in seiner zeitlosen und reinsten Form: als Bewegung, Wandlung, Reaktion und Aktion. Mitchells Werke hängen heute in den großen Museen der USA. Zum ersten Mal seit der documenta von 1959 wurde ihre Malerei nun in Deutschland präsentiert. Die Ausstellung umfasste 34 zum Teil monumentale Gemälde und bot einen repräsentativen Überblick über das Lebenswerk der Künstlerin.

Leihgeber waren unter anderem die National Gallery in Washington, das Whitney Museum und die Joan Mitchell Foundation in New York sowie das Centre Georges Pompidou in Paris. Nach Emden wird die Ausstellung auch in Italien und Frankreich gezeigt.