Eine Ausstellung des Chicago Blues Museums in Hamburg

Gregg Parkers einzigartige Sammlung des Blues in Chicago

Während der ersten Hamburger Kulturwoche im Mai 2004 in Chicago lernte ich den Gründer und Direktor des Chicago Blues Museums, Gregg Parker, und seine Frau Stefanie kennen. Stefanie Parker stammt aus Hamburg. Später erinnerte ich mich: Gregg wurde mir vor vielen Jahren schon einmal von einem gemeinsamen Freund in Hamburgs Musikszene-Kneipe „Sperl“ am Großneumarkt vorgestellt. Der ausgezeichnete Gitarrist Gregg Parker wohnte damals in Hamburg, spielte auch viel in London und war in der Musikszene recht bekannt.

Als ich Gregg im Mai 2004 in Chicago traf, haben wir sofort über eine Ausstellung seiner Sammlung „‚Chicago Blues“ in Hamburg gesprochen. Gregg und Stefanie reagierten sehr freundlich auf unsere Begeisterung. Viele Deutsche lieben Jazz und Blues und fragen sich in Chicago durch zu den einschlägigen Lokalen, die es noch gibt. Tags zuvor hatte ich bei einem Rundgang durch das Chicago Science Museum einen Teil der Sammlung des Chicago Blues Museum entdeckt, der offenbar erstmals ausgestellt wurde.
Chicago Blues

Aber in dieses Museum der Technik und Wissenschaften gehörte diese überraschende Sonderausstellung über Blues in Chicago eigentlich gar nicht hin. Handelte es sich um eine sonderbare Verlegenheitslösung, die der real existierenden „Heimatlosigkeit“ dieser Blues – Sammlung entsprach? War die aufstrebende, inzwischen sehr umfangreiche Sammlung, die Gregg Parker seit 1991 für ein zukünftiges Blues Museum anlegte, in dieser Metropole der schwarzen Bluesmusiker noch gar nicht fest eingeplant in das kulturelle Selbstverständnis der Stadt?

Maxwell Street
Foto der historischen Maxwell Street auf einem alten Blues-Plattencover

Einige Mitglieder der Hamburg-Delegation hatten diesen Schatz im „falschen“ Museum auch entdeckt und spontan gehoben: Uns allen war sofort klar, dass wir eine solche Blues-Ausstellung mit zahlreichen einmaligen Blues-Devotionalien, mit kostbaren alten Gitarren von legendären Bluesmusikern, mit vielen persönlichen Erinnerungsstücken namhafter Musiker und Sänger, mit zahllosen Dokumenten, Fotos und originalen Filmaufnahmen von Blues- und Jazzkonzerten in Chicago, unbedingt nach Deutschland holen müssen. Schon im Oktober 2004 hatte die Kulturbehörde das Kunsthaus Hamburg und das Musikzentrum MARKTHALLE als Partner für eine Ausstellung des Chicago Blues Museums mit einem Rahmenprogramm von Bluesbands aus Chicago gewonnen. Für Ende 2004 luden wir Gregg und Stefanie Parker nach Hamburg ein, zeigten ihnen die ausgesuchten Locations und versicherten ihnen, dass wir großes Interesse an einer engeren Zusammenarbeit hatten. Die Gespräche verliefen in freundschaftlicher Atmosphäre. Die finanzielle Seite des Ausstellungsprojekts konnten wir allerdings nicht lösen.

Zur Sichtung des sehr umfangreichen Foto- und Filmmaterials der Sammlung Gregg Parkers baten wir Claus Friede nach Chicago zu fliegen und sich ein Bild über die Qualität und den arbeitstechnischen Aufwand zu machen. Friede kam mit dem Eindruck einer ergiebigen und hochkarätigen Fotosammlung über die Bluesgeschichte Chicagos wieder zurück. Die finanzielle Seite des Projekts konnte wieder nicht gelöst werden. In der Zwischenzeit hatten die Parkers erstmals einen festen Ort für den größten Teil ihrer Sammlung gefunden; es war ein Stockwerk eines neuen Kulturzentrums im Stadtteil Bridgeport in der southside Chicagos in 3636 S Iron Street.

Karen Hanson (Chicago) schrieb über das Chicago Blues Museum: „Two factors make the Chicago Blues Museum unique: 1) An unmatched collection of authentic blues memorabilia, much of which has been donated by the families of blues musicians themselves; and 2) a multimedia approach that allows the visitor to experience rather than simply view the exhibits. Parker is especially careful to place the blues within the context of the historic and cultural contributions of African Americans in Chicago. When it´s finished, it will be an educational and entertaining experience.“

Die Zukunft des Blues Museums in Bridgeport scheint aber ungesichert. Eigentlich gehört eine solche bedeutende Sammlung natürlich in das historische Viertel, wo der Blues mehr als hundert Jahre gespielt wurde. Aber was war davon noch übrig geblieben? Gregg Parker hatte sich wie viele andere für den gefährdeten Maxwell Street Historic District engagiert und Petitionen an die Illinois Historic Preservation Agency geschrieben. Gregg schrieb am 9. Juni 1994 in einem offenen Brief in großer Sorge um die letzten Spuren des alten Blues-Viertels:

„For a newly arrived blues-singer in Chicago, Maxwell Street was the primary meeting ground, Hound Dog Taylor played here, and so did Little Walter, Big Walter Horton, Honey Boy Edwards, Big Bill Broonzy, Floyd Jones and Snooky Pryor. Today, the two remaining blocks of Maxwell Street, between Halsted and Morgan, still function as a flea market on Sunday afternoons, and, during the summer months, the Maxwell Blues Band plays.
My organization, the Chicago Blues Museum, is prepared to do any event to help with finances for any project that will help along with your preservation agency to preserve this historical landmark.“

Hier wird deutlich, dass Gregg Parker das von ihm gegründete Blues Museum als eine kulturelle Instanz mit einem Anspruch auf die Bewahrung eines gefährdeten historischen Kulturerbes versteht. Dieses engagierte Selbstverständnis verdient unseren Respekt; es brachte ihm das Vertrauen vieler Bluesmusiker-Familien entgegen, hat aber sicher auch manchen Gegner auf den Plan gerufen. Zu den nachhaltigen Unterstützern gehörte auch der große amerikanische Schriftsteller Studs Terkel, der 1912 in Chicago geboren wurde. Er schrieb in einem offenen Brief:

„We´re losing a lot of landmarks in Chicago. This diminishes the value of the Chicago we leave for future generations. Maxwell Street was a really important and unique place. …A grassroots avenue for survival got created there for masses of immigrants and poor people. It preserved old world culture, whether from the Ukraine, Mexico or Mississippi and mixed it with the new, creating art forms such as electrified blues…“

Wir Bluesfreunde in Hamburg werden jedenfalls weiter damit fortfahren, Sponsoren für unseren Plan zu suchen, eines Tages in Hamburg diese einzigartige Sammlung von Gregg Parker zur Geschichte des Blues in Chicago zu zeigen. Neben den einmaligen historischen Ton- und Bilddokumenten müssen aber auf jeden Fall auch die jüngsten Vertreter der Bluesmusik in Chicago nach Hamburg kommen, wo sie seit vielen Jahren schon immer herzlich willkommen waren. Denn der Blues hat zwar seine Geschichte, ist aber auch ganz vitale Gegenwart: Er wird immer noch ganz schön aufregend und mitreißend gespielt in Chicagos Blueskneipen.