Ein Denkmal der frühen Moderne

Das Reliance Building

Wer wie der Verfasser dieser Zeilen vor zwanzig Jahren in Chicago an der Südwestecke von State Street und Washington Street entlang ging, war kaum geneigt, seinen Blick nach oben zu richten. Umgeben von glanzvoll spiegelnden Fassaden wie der des Daley Center stand hier ein reichlich heruntergekommenes Bauwerk, das durch häßliche Ladenfronten und billige Billboards verunziert wurde.

Das Terracotta der Fassade wirkte stumpf und war sichtlich seit Jahrzehnten nicht mehr gesäubert worden. Wenn man nicht gerade die Beschreibungen von Sigfried Giedion und Carl Condit in Erinnerung hatte, die von einem „Triumph der Chicagoer Schule“ sprachen, was Struktur und Funktion der Stahlrahmenkonstruktion anging, hätte man das Reliance Building ebenso leicht übersehen können wie auch einige andere bedeutende Bürohäuser in Chicagos Loop – jener durch die Hochbahn gebildeten Schleife, wo die Entwicklung des Wolkenkratzers weltweit ihren Ausgang nahm.

Reliance Building
Reliance Building - Chicago

Es war William Every Hale, Fabrikant von hydraulischen Aufzügen, der 1890 die renommierte Chicagoer Architekturfirma Burnham & Root mit dem Bau eines 15-stöckigen highrise beauftragte. Es sollte sich um ein solides, verläßliches Bauwerk handeln, was sich auch in seinem Namen „Reliance“ ausdrückte. Zwei unerwartete Ereignisse kamen freilich dazwischen. Wegen noch laufender Mietverträge konnte das vierstöckige Backsteingebäude auf dem Grundstück noch nicht abgerissen werden. Also zogen die Ingenieure die oberen drei Stockwerke mit Schraubenwinden in die Höhe und brachten auf der Straßenebene das Fundament und den ersten Stock des neuen Baus an. Mit einem Textilwarenladen des Kaufhauses Carson, Pirie, Scott und Co. war auch sofort ein zahlungskräftiger Pächter gefunden.

Buchtitel: Reliance Building 1891 starb Burnhams Partner John Root 41-jährig an Lungenentzündung. An seine Stelle trat Charles B. Atwood aus Boston als Chefdesigner der Firma. Da Roots Pläne für das Reliance Building verschollen sind, wissen wir nicht, wie es nach seinem Willen ausgesehen hätte. Atwood setzte auf die schon vorhandene Basis aus rotem Granit den Hauptkörper, der mit cremefarbenem Terracotta eingekleidet wurde. Freilich besteht die alabasterartige Fassadeneinkleidung in der Hauptsache nur aus relativ schlanken Mittelpfosten, zwischen denen sich ungemein breite Glasfenster mit je zwei vertikal angeordneten Erkern spannten, um so für die Räumlichkeiten ein Höchstmaß an Helligkeit zu garantieren. Das „Chicago window“, wie es genannt werden sollte, bildet nirgendwo eine so harmonische Einheit mit der Terracotta-Fassade wie beim Reliance Building. Es ist gleichsam ein Präludium für die Architektur der Moderne: Der fast schwerelos erscheinende Vorhang der Bauten eines Mies van der Rohe ist in der Transparenz und Eleganz des Reliance bereits vorweggenommen. Die Chicagoer Schule mit ihrem Sinn für Proportionen, für detaillierte, aber nicht überladene Ornamentik sowie für sorgfältig ausgewählte Materialien wie Mahagoni, Carrara-Marmor und Terrazzo hat sich hier ein vollkommenes Denkmal geschaffen, ohne dass dies den Zeitgenossen wirklich bewußt war.

Es hat wohl mit dem Niedergang des Chicago Loop im Laufe des 20. Jahrhunderts zu tun, dass auch das Reliance Building immer mehr in Vergessenheit geriet, bis ganze Teile abbrachen oder – wie das hervorstehende Dachgesims – völlig entfernt wurden. Die Mieter reichten von einem billigen Bekleidungsladen bis zu einer Wahrsagerin. Zwar wurde das Reliance schon in den siebziger Jahren in die Liste der Denkmalschützer aufgenommen, doch verdeckten Schmutz und Ruß buchstäblich seine architektonische Großartigkeit, so dass oft genug auch von einem bevorstehenden Abriß die Rede war. In den frühen neunziger Jahren entschloß sich schließlich die City of Chicago, die aufwendige Restaurierung des Bauwerks zu finanzieren und in die Wege zu leiten – sicherlich gleichzeitig mit einer wachsenden Aufwertung des Loop-Viertels. Es war eine „historische Rekonstruktion“, wie sie gewissenhafter und liebevoller nicht hätte sein können: Kein Material, für das man nicht eine ebenbürtige Entsprechung fand, wenn schon das Original nicht mehr auffindbar war. 1999 schließlich wurde auch das Innere wiederhergestellt, nachdem die Nutzung des Reliance als Hotel feststand. Das Ergebnis gibt jenem Chicagoer Alderman Unrecht, der meinte, man solle für das viele Geld doch den Bau einfach abreißen und auf das Grundstück etwas Vernünftiges setzen. Es tut gut zu wissen, dass David Lowes Buch „Lost Chicago“ nicht noch einen weiteren Eintrag erhielt.

Heute gehört das Reliance Building zusammen mit der Rookery und einigen anderen Bauten zu den großen Monumenten der frühen Chicagoer Architektur. Aber auch ohne dass man seine architekturgeschichtliche Bedeutung kennt, wird man – anders noch als vor zwei Jahrzehnten – es nicht mehr ignorieren können, sondern man wird gefangen sein von seinem Glanz, seiner Noblesse und seiner traumhaften Leichtigkeit.