Ausstellung: Indianer

Das deutsche Bild vom Indianer und die Wirklichkeit

Ein Besuch in der Ausstellung „Indianer Nordamerikas. Eine Spurensuche…“

Am Konzept des Museums für Völkerkunde Hamburg gefällt mir immer wieder der Satz am besten: „Wir haben Respekt vor allen Kulturen. Wir verschaffen allen Kulturen Respekt.“

David Seven Deers, ein Indianer vom Volk der Skwahla-Stó:lo-Halkomelem in Kanada und Mitarbeiter am Hamburger Museum für Völkerkunde, führte die Redaktion unseres Newsletters durch die vielbesuchte Ausstellung. Wir sind beeindruckt, wie viele einzigartige Objekte in der Sammlung des Museums sind.

Ausstellung: Indianer
Harald Clapham, Julia Dautel, Manfred Strack, David Seven Deers, Franz Scheuerer (v.l.n.r.)

Aus der Website des Museums: „Wie ein Kaleidoskop wirft die Ausstellung Licht auf unterschiedliche Facetten indianischen Lebens: Spiritualität und Heilung, Herkunft und Sprache, Tradition und Schönheit, alte Konflikte und modernes indianisches Leben. Einem Tipilager der Plains-Indianer steht der Nachbau eines Pueblo-Hauses aus dem Südwesten gegenüber und neben Jahrtausende alten Pfeilspitzen findet sich auch ein indianischer Cadillac! Wertvolle historische Fotografien indianischer Würdenträger geben Einblick in die bewegte Geschichte dieser Völker. Höhepunkt der Ausstellung ist das spirituelle Langhaus mit einzigartigen Masken der Nordwestküste, das von dem indianischen Künstler David Seven Deers gestaltet wurde.“
Indianer Nordamerikas. Eine Spurensuche…

Abgesehen davon, dass jeder aus der Redaktion einmal in dem alten Cadillac sitzen wollte, der wirklich einmal David Seven Deers gehörte, gab es für uns alle viel Nachdenkliches und Trauriges über die Geschichte der Indianer von David zu hören. Er erzählt mit dem Herzen und spricht uns einige Wörter aus einer alten, untergegangenen Indianersprache vor. Er ist in seiner Tradition verwurzelt. Hamburg hat für ihn eine besondere Bedeutung. David ist mit einer Hamburgerin verheiratet und spricht Deutsch. Für ihn ist das Museum schon lange ein vertrauter Ort, um frei und kritisch über das bittere Schicksal vieler Indianer zu sprechen, – und indianische Handwerkstechniken zu zeigen. Er weiß sich der uneingeschränkten Sympathie seiner deutschen Zuhörer für die indigenen Völker sicher. Woher kommt das eigentlich? Gibt es ein besonders typisch deutsches Indianerbild? Und hat Hamburg eine besondere Affinität für die Indianerkulturen?

Der Gründer des berühmten Hamburger Zoos war der Tierhändler Carl Hagenbeck. Hagenbecks Neuerungen bei der Tierhaltung (naturhafte Gehege) waren sogar auf der Weltausstellung 1893 in Chicago ausgestellt. Damals muss er auch die ersten Kontakte mit Indianern gehabt haben. Inspiriert davon, begann Hagenbeck damit, in ganz Deutschland in sogenannten „Völkerschauen“ leibhaftige Indianer zu präsentieren, ganze Familien und ihre Lebensweise. Er machte ein gut gehendes Geschäft daraus. 1910 feierte er mit einer Sioux-Show seinen größten Erfolg. Es sollen allein in seinem damals hochmodernen „Tierpark Hagenbeck“ in Stellingen über eine Million Besucher gewesen sein, die das Indianerdorf der Sioux in Hamburg sehen wollten.

Die Indianer als idealisierte „edle Wilde“ aufzufassen, ist eine deutsche Besonderheit. In Amerika dagegen herrschte gegenüber den „Rothäuten“, wie wir aus vielen alten Western wissen, ein ganz anderes Vorurteil.

„I like America – Fiktionen des Wilden Westens“ hieß 2006 eine Ausstellung in der Frankfurter „Schirn“ . Sie zeigte die Folgen der Begeisterung für den „Wilden Westen“, die in Deutschland seit dem 19.Jahrhundert zu beobachten ist, in der bildenden Kunst zwischen 1825 und 1950. Diese bis heute andauernde emotionale Wertschätzung der Indianer wurde zunächst durch die Literatur beeinflusst, die Generationen von deutschen Jugendlichen faszinierte. Die Romane Karl Mays hatten bis 1950 die phänomenale Auflage von 50 Millionen Exemplaren erreicht.

James F. Coopers „Lederstrumpf“-Erzählungen, die vielen „Winnetou“-Romane von Karl May, aber auch die populären Zirkus-Inszenierungen von Buffalo Bill´s Wild West-Shows mit Cowboys, Indianern und Pferden, sorgten für eine Fan-Gemeinde in Deutschland, die es bis heute gibt. Wer einmal auf der Hamburger Messe „Hanse-Pferd“ gewesen ist, weiß, wovon ich schreibe. Es gibt zahlreiche Cowboys dort, kleine und große, und alle kommen aus Hamburg und Umgebung. Früher war der berühmteste Indianer Deutschlands George Copway. Er vertrat die christlichen Indianer Amerikas 1850 auf dem dritten Weltfriedenskongress in Frankfurt. Sein Besuch wurde in allen deutschen Zeitungen gewürdigt; sein Porträt als angeblich „Der letzte Mohikaner“, wurde von dem deutsch-amerikanischen Maler Emanuel Leutze 1850 gemalt und sehr berühmt. Die romantische Verklärung indigener Naturvölker geht auch aus den vielen Indianerbildern Carl Wimars und Albert Bierstadts hervor, beides ebenfalls Deutsche, die nach Amerika auswanderten.

Ausstellung: Indianer 2

Max Hollein, Direktor der Schirn, sprach 2006 bei der Ausstellungseröffnung von einer „facettenreichen Ausstellung über Amerika als Projektionsfläche deutschamerikanischer Sehnsüchte und Rezeptionsmuster“. Die Sehnsüchte hatten eine Ursache und sie hatten ein Ziel. Zwischen 1830 und 1840 sind mehr als 150.000 Deutsche nach Amerika ausgewandert; im Schicksalsjahr der größten demokratischen Bewegung in Deutschland, im Jahr 1848, suchten mehr als 100.000 Deutsche den Weg in die amerikanische Freiheit. Aber das war nur Beginn einer großen Auswanderungswelle und einer langen deutsch-amerikanischen Freundschaft.

Dauerausstellung im Museum für Völkerkunde
Di-So 10.00 bis 18.00 Uhr, Do bis 21.00 Uhr